British Rail
British Railways (BR), später in "British Rail" umbenannt, war die staatliche Eisenbahngesellschaft Großbritanniens. Sie entstand 1948 bei der Verstaatlichung der vier großen privaten Eisenbahngesellschaften des Landes, den so genannten "Big Four" und wurde zwischen 1994 und 1997 schrittweise privatisiert und aufgelöst.
- Hintergrund
- Verstaatlichung
- Modernisierung
- Die Beeching-Axt und das Ende der Dampfära
- Sektorisierung und Privatisierung
- Weblinks
1. Hintergrund
Das Eisenbahnnetz Großbritanniens entstand während des 19. Jahrhunderts und wurde von Dutzenden von privaten Gesellschaften betrieben. 1923 wurden sie zu vier großen Gesellschaften zusammengefaßt, die jeweils ein bestimmtes geographisches Gebiet kontrollierten. Diese Unternehmen waren:
- Great Western Railway (GWR)
- London, Midland and Scottish Railway (LMS)
- London and North Eastern Railway (LNER)
- Southern Railway (SR)
Während des Zweiten Weltkriegs wurden die vier Gesellschaften unter staatliche Aufsicht gestellt. Die Strecken und Anlagen wurden durch Feindeinwirkung zerstört oder waren wegen der starken Inanspruchnahme zerschlissen. Dadurch gerieten die Gesellschaften in eine finanzielle Krise.
2. Verstaatlichung
Die Labour-Regierung von Clement Attlee schuf 1947 mit dem "Transport Act" die gesetzliche Grundlage für die Verstaatlichung des Eisenbahnnetzes. Am 1. Januar 1948 wurde die neue staatliche Gesellschaft "British Railways" gebildet, die unter Aufsicht der "British Transport Commission" stand (seit 1962 "British Railways Board"). Die ehemaligen LMS-Linien in Nordirland wurden an die Provinzregierung verkauft und 1949 unter die Aufsicht der "Ulster Transport Authority" gestellt.
Die neue Gesellschaft wurde in sechs Verwaltungsregionen aufgeteilt, deren Grenzen sich zum größten Teil an den Streckennetzen der "Big Four" orientierten:
- Eastern Region - die südlichen LNER-Strecken
- North Eastern Region - die nördlichen LNER-Strecken in England
- London Midland Region - die LMS-Strecken in England und Wales
- Scottish Region - die LMS- und LNER-Strecken in Schottland
- Southern Region - das gesamte Streckennetz der SR
- Western Region - das gesamte Netz der GWR
Diese Regionen bildeten bis in die 1980er die Basis der Unternehmensstruktur von "British Rail" und behielten einen gewissen Grad an Selbständigkeit bei.
3. Modernisierung
Der 1955 von der "British Transport Commission" entworfene Modernisierungsplan sah Investitionen im Wert von 1240 Millionen Pfund über einen Zeitraum von 15 Jahren vor. Das Angebot sollte für Fahrgäste und Güterkunden attraktiver werden. Es gab drei Schwerpunkte:
- Elektrifizierung der Hauptlinien
- Beschaffung von neuen Diesel- und Elektrolokomotiven im großen Stil, um die Dampflokomotiven weitgehend ersetzen zu können
- Neue Signalanlagen und Erneuerung der Gleise
Der Modernisierungsplan berücksichtigte jedoch nicht die Auswirkungen, die die Massenmotorisierung auf die traditionelle Rolle der Eisenbahnen ausübte. Viel Geld wurde in überflüßige Rangierbahnhöfe investiert, dies zu einer Zeit, als der Güterverkehr auf der Schiene stark zurückging.
BR wurde auch durch veraltete Vorschriften behindert, welche die Frachttarife festlegten und die Eisenbahn dazu zwangen, auch unprofitable Güter zu transportieren. Dadurch wurde die Konkurrenzfähigkeit gegenüber der Straße eingeschränkt, die Erwirtschaftung eines Gewinns war fast unmöglich.
Die finanzielle Situation verschlechterte sich und der Plan wurde 1959 neu entworfen. Die Modernisierung sollte beschleunigt und der Betrieb rationeller werden. Es wurden Massenbestellungen für Dieselloks gemacht, von denen sich später viele als unzuverlässig erwiesen.
4. Die Beeching-Axt und das Ende der Dampfära
Zwischen 1950 und 1962 waren unrentable Nebenlinien mit einer Gesamtlänge von 4.970 Kilometern stillgelegt worden. 1963 veröffentlichte Richard Beeching, der damalige Vorsitzende von British Rail, einen Bericht und forderte eine grundlegende Rationalisierung des Betriebs. Der so genannten "Beeching-Axt" (engl. Beeching axe) fielen zwischen 1963 und 1973 nicht weniger als 6.536 Kilometer Bahnstrecke zum Opfer, davon allein 1.701 Kilometer im Jahr 1964. Jedoch wurden aus politischen Gründen nicht alle zur Schließung vorgesehenen Strecken auch tatsächlich geschlossen, so zum Beispiel die Linie durch die schottischen Highlands zwischen Inverness und Thurso. Einige Strecken werden heute als Museumsbahnen betrieben.
Während den frühen 1960ern wurden die Dampflokomotiven in großem Stil außer Dienst gestellt und durch Diesellokomotiven ersetzt. Der letzte Dampfzug von British Rail fuhr im August 1968. Auf mehreren Güterlinien blieben sie bis in die 1970er hinein im Einsatz. Einige der Dampflokomotiven blieben für museale Zwecke erhalten, doch die meisten fielen dem Schneidbrenner zum Opfer. Ebenfalls im August 1968 wurde die Gesellschaft in "British Rail" umbenannt.
5. Sektorisierung und Privatisierung
In den 1980ern wurden die sechs teilweise selbständigen Verwaltungsregionen aufgelöst und das Netz wurde in fünf Sektoren gegliedert. Der Personenverkehr wurde aufgeteilt in die Sektoren "InterCity " (Schnellzüge), "Network SouthEast" (Londoner Vorortszüge) und "Regional Railways" (Regionalzüge im übrigen Land). "Railfreight" war für den Güterverkehr zuständig und die "British Rail Engineering Limited" (BREL) für die Infrastruktur.
Die konservative Regierung von John Major beschloß, das britische Eisenbahnwesen vollständig zu liberalisieren. Mit dem Railway Act von 1993 wurde British Rail zwischen 1994 und 1997 schrittweise aufgeteilt und privatisiert.
Die einzelnen Linien wurden zu regionalen Gruppen zusammengefaßt und als Konzessionen ausgeschrieben, um die sich private Unternehmen bewerben konnten. Meist machten Busunternehmen von dieser Möglichkeit Gebrauch. Um ein einheitliches Tarifsystem zu gewährleisten, wurde die Gesellschaft National Rail gegründet.
Die Privatisierung brachte nicht überall den gewünschten Erfolg. Zwar stieg die Anzahl der beförderten Passagiere, doch die erhofften Preissenkungen blieben weitgehend aus. Im Gegenteil mußten die Preise massiv erhöht werden. Der Güterverkehr hat zwar auch zugenommen, doch wird darüber gestritten, ob dies der Privatisierung zu verdanken ist oder doch eher dem allgemeinen Wirtschaftswachstum.
Die gesamte Bahninfrastruktur wurde von der privaten Gesellschaft Railtrack übernommen. Doch deren Manager erwiesen sich als inkompetent. Die Instandhaltung der Anlagen wurde aus Kostengründen vernachläßigt, wichtige Investitionen wurden wegen des kurzfristigen Profitdenkens gestrichen. Durch zahlreiche Pannen und tödliche Unfälle verloren die britischen Eisenbahnen ihren einst guten Ruf. Railtrack konnte ihren Aktionären keine Dividende mehr auszahlen und mußte 2002 den Bankrott erklären. Ein Jahr später übernahm die öffentlich-rechtliche und explizit nicht auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Gesellschaft "Network Rail" die Verantwortung über die technischen Anlagen.
6. Weblinks
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