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England Frühjahr 1998
"RÖMERLAND, KELTENLAND"
(EIN KURZURLAUB IM SÜDEN ENGLANDS)
VOM 13.03.1998 BIS 19.03.1998
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Freitag, 13. März 1998
Jetzt bin ich total verrückt geworden. Warum? Ganz einfach. Seit Donnerstag, den 12. März 23 Uhr 56 bin ich auf dem Weg nach Südengland. Trotz aller böser Omen wie Freitag, der 13., wolkenloser Himmel und starker Zahnschmerzen (dagegen habe ich mich mit Tabletten vorgesorgt). Habe soeben den ersten Halt nach über 300 Kilometer eingelegt. Rastplatz Limburg-Nord. Eigentlich wollte ich schon früher Rast machen, aber alle Parkplätze waren regelrecht mit Lkws zugepflastert. Sogar die Parkplätze, die für die Pkws bestimmt sind. Das Wetter hält ‘mal wieder was es nicht verspricht. Statt Regen bzw. Schneeregen nur blauer Himmel und Mondschein. Weit und breit keine Wolken. Es ist zwar saukalt, aber die Straßen sind wenigstens trocken, so daß man recht gut vorankommt. Es ist jetzt 3 Uhr 30. Fahre gleich weiter... 509km; mein Stammparkplatz in Belgien ist erreicht. Er hat jetzt sogar einen Namen bekommen: "Waldhornerheide". Und zwei Chemieklos. Aber in was für einen Zustand! Mache jetzt meine zweite Pause und hoffe bald eine offene Tankstelle zu erreichen. Wir schreiben fünf Minuten vor sechs Uhr. Hier in Belgien ist zwar auch wolkenloser Himmel, aber genauso arschkalt und neblig. Hinter mir steht übrigens noch ein VW. Auch mit Fürther Kennzeichen (FÜ-KJ 14). Wenn das kein Zufall ist! Pause mache ich stilecht englisch. Im Auto sitzen und Sandwiches essen. Habe dafür extra eine ganze Menge vorbereitet. Und nun weiter... Ab Mons war es dann vorbei mit der Sonne. Endlich Wolken! Ab Tournai (französische Grenze) hat es dann auch noch begonnen zu regnen... Ankunft in Calais um 10 Uhr 5 Minuten; Abfahrt in Calais um 10 Uhr 45 Minuten; schneller geht es nun wirklich nicht! Fahre mit der SeaCat. Die Überfahrt kostet FF490, also etwa 160DM. Eigentlich recht billig. Das Wetter hier in Calais ist echt klasse. Wolkig, nebelig, Nieselregen und nur etwa 6,5°C, so das Thermometer nahe Dünkirchen. Alles ging so wahnsinnig rasend schnell, daß ich in Calais nicht einmal zum Photographieren gekommen bin. Kaum da, schon auf dem Boot... Die Fahrt von Dover nach Salisbury war das reinste Kilometer-Fressen: Immerhin knapp 1.200 Kilometer insgesamt... Salisbury ist sauteuer geworden: £16 für das Zimmer (aber wenigstens mit Farb-TV), die ersten Fish’n’Chips haben £3.50 gekostet (es gibt auch billigere und bessere für £2.60; das habe ich allerdings erst etwas später herausgefunden) und das Pint Lager kostet £1.95 (im "Salisbury Arms" das Pint Bitter £1.68 und im "The Chrough" £1.78; aber besser). Da werde ich das Geld etwas mehr zusammenhalten müssen. Karten schreiben war heute nicht mehr drin. Es war zu spät! Die Unterkunft an sich ist nicht schlecht. Auf jeden Fall ruhig. Nur eine sehr enge Toreinfahrt haben sie. Habe leider schon den ersten Kontakt mit der Tormauer geknüpft; besser gesagt mein Auto. Ärgert mich, ist aber wohl nicht so schlimm, da es glücklicherweise nur die oberste Lackschicht erwischt hat; die Grundierung blieb unversehrt.

Samstag, 14. März 1998
Vorfreude auf das englische Frühstück. Doch bevor ich mir dieses Vergnügen gönne, gönne ich mit erst einmal zwei Stunden BBC Fernsehen. Nachrichten, Wetter, Cartoons, Open University (entspricht unserem Telekolleg), usw. Für heute sind für Südengland heiter bis wolkiges Wetter angesagt. Kein Frost, kein Scheiben kratzen, kein Vergleich zu den letzten Tagen in Deutschland, denn hier ist fast alles schon in voller Blüte; kein Wunder bei der Wärme. Übrigens: Hier gibt es eine kaum zählbare Menge von Narzissen. Die blühen und wachsen überall, fast wie Unkraut... Aber jetzt ruft das Frühstück (mein Magen knurrt!)... Das heutige Ziel ist Avebury. Der riesige prähistorische Komplex. Doch zuerst muß ich noch in die Stadt, damit man daheim weiß, "Alles ist in Butter" (d.h. Karten schreiben). Habe gerade festgestellt, daß meine Unterkunft strategisch sehr günstig (!!!) liegt. Nahe dem Churchill Way, von dem man aus, ohne durch die Stadt fahren zu müssen, alle wichtigen Orte wie Amesbury, Southampton, Devizes, usw. erreichen kann (direkter "Zugriff" auf die entsprechenden A-Straßen) und doch sehr ruhig gelegen in einer Seitenstraße. So, nach dem erstklassigen Frühstück, auf zu den heutigen Taten... Avebury ist faszinierend; sowohl in seiner Größe als auch in seiner Bedeutung. Die Bedeutung war mit bewußt, die Größe jedoch nicht. Da kann man locker einen ganzen Tag zubringen. Nur habe ich den Fehler gemacht, Avebury an einem Samstag zu besuchen. Das arme Avebury war überflutet von Besuchern, aber leider auch die Parkplätze, so daß Kennett West Long Barrow wegen Platzmangel ausfallen mußte. Ist ja auch ganz schön bescheuert, dafür auf einer viel befahrenen Straße nur eine kurzen Streifen (für maximal 12 bis 15 Autos Platz bietend) zur Verfügung zu stellen. Daher bin ich halt weitergefahren, nach Marlborough (häßlich und überfüllt; es war Markttag wie in Salisbury auch), North Tidworth und zurück nach Salisbury. Vielleicht lasse eine geplante Fahrt ausfallen und fahre unter der Woche noch einmal nach Avebury. 'Mal abwarten. Die unfreiwillige Fahrt war jedoch nicht uninteressant. Es ist nämlich sehr erstaunlich, wie viele alte Häuser es noch gibt. Und diese (strohgedeckten) Häuser haben zwischen 400 und 600 Jahre auf dem Buckel; die meisten sind auch noch bewohnt. Eine verdammt lange Zeit. Übrigens: Das älteste Haus in Salisbury habe ich heute früh durch mehr Zufall entdeckt. Errichtet 1430! Also 568 Jahre alt. (spätere Anmerkung: Das älteste Haus in Salisbury ist übrigens noch fünf Jahre älter, also 1425 errichtet, und befindet sich in der Nähe des Tourist Office). Die Gegend hier unten ist an für sich schon sehr interessant, aber dennoch kein Vergleich zu Schottland! Viel zu überfüllt, in jedem Ort Pay-and-Display-Parkplätze (Free Parking ist anscheinend nicht gentlemenlike) und ein zu hohes Preisniveau. Aber bei den teueren Autos (viele ganz neue Jaguars, RRs, TVRs, Ferraris, usw.) ist das kein Wunder. Hier sind eben Geld und London allgegenwärtig mit seinem schlechten Einfluß. Nur die Benzinpreise sind sozial. Zwischen 60.9p und 63.9p. Spinner gibt es überall, so auch hier. So habe ich eine Tankstelle gesehen, die sage und schreibe 71.9p pro Liter verlangt. Wer da tankt, ist selber Schuld. Mein Verbrauch liegt bei 6,17 Liter auf 100 Kilometer. Angemessen, wenn man bedenkt, daß ich nicht gerade langsam von Liège nach Salisbury gefahren bin. Und es ist noch Winter, was so manches Zehntel kostet. Ich denke trotzdem, bis ich wieder daheim bin, daß ich knapp unter 6,0 Liter auf 100 Kilometer bin.

Sonntag, 15. März 1998
Sonntag, doch heute ist für mich kein Ruhetag. Dazu ist die Zeit viel zu knapp und zu viele Geschäfte haben heute geöffnet. Das muß schamlos ausgenutzt werden. Bevor die Läden geöffnet haben und dann dementsprechend viele Menschen unterwegs sind, habe ich "schnell" einige Bilder von Salisbury gemacht; das Wetter heute früh ist aber auch so was von ideal zum Photographieren, stark bewölkt, windig, kalt; noch kein Regen. Das paßt einfach ideal zu dieser (fachwerk)alten und (granit)grauen Stadt. Danach bin ich in rein zum Tesco, habe eingekauft und dann ab Richtung Stonehenge. Daß Stonehenge am Sonntag tot getrampelt wird, war mir von vorne herein klar. So voll war auch der Parkplatz. Aber ich brauchte ja nur dringend eine Gelegenheit zum... (man weiß schon was passiert, wenn man zuviel Tee gesoffen hat). Stonehenge selbst hat sich nicht verändert, wie sollte es auch. Die einzige "Neuerung" ist ein Bohlenweg drum herum, damit sich die Touristen nicht die Füße naß machen können... Momentan steh ich auf einem Parkplatz in Amesbury. Werde diesen Ort gleich einmal "unter die Lupe" nehmen. Sonntage bieten sich dafür idealerweise an. Denn dann sind die Pay-and-Display-Parkplätze kostenlos. Muß man nutzen. Wohin es danach geht, bleibt sogar mir noch verborgen. Allzu weit weg auf jeden Fall nicht mehr, denn es geht bereits auf 13 Uhr zu... Bin nach Warminster gefahren. Dachte, hier sei etwas los, weil eine größere Stadt (laut Karte). Aber absolute Fehlanzeige. Hier sagen sich Fuchs und Hase "Gute Nacht". Habe soeben beschlossen, am Montag die Bath - Wells - Glastonbury - Cheddar-Tour zu fahren. Und am Dienstag ist endlich Dartmoor - Exeter dran. Darauf freue ich mich jetzt schon. Zumal der Wetterbericht ab Montag die Ankunft einer Kaltfront vom Norden her angekündigt hat. Mit viel Wind und sinkenden Temperaturen, denn im Moment ist es hier für diese Jahreszeit etwa fünf Prozent zu warm (sagt BBC Radio). Aber wenigstens nachts kein Frost und in der Früh keine vereisten Scheiben... Eine erschreckende Feststellung mußte ich in den letzten drei Tagen immer wieder machen: Meine ach so heiß geliebte Großbritannien Straßenkarte (von OS) aus dem Jahre 1990 ist alles andere als auf dem neuesten Stand. Werde mir überlegen müssen, ob nicht bald eine neue Karte fällig ist. Wenn ja, dann am Mittwoch, denn da ist Einkaufstag in Salisbury (Sainsbury‘s und Tesco), Lebensmittel, Bier, Souvenirs für Eltern und eben eine neue Straßenkarte. So, ich fahre jetzt weiter nach Salisbury oder wenigstens in die Richtung... In meinem Stamm-Pub ("The Crough") war heute Abend mächtig ‘was los. Ich war wieder einmal in mitten einer Runde gelandet, die nur aus Einheimischen (Sharon, Mandy, Chris und Peter) bestand. Wir haben uns ganz toll und ganz lange unterhalten. Peter hatte ich bereits am Nachmittag kennen gelernt, als ich mir ein Sonntagsnachmittags-Pint of Bitter gegönnt hatte; als ich zwei Stunden später zurückkam, saß er immer noch da. Bei seinem wer weiß wievielten Pint. Aber auch ich habe an diesem Abend mit drei Pints mächtig zugeschlagen. Ohne jedoch nur einen Anflug eines Rausches zu verspüren. Entweder lag es am Bier (es hat schließlich nur um die 4 Volumenprozente Alkohol) oder an der sehr regen Gesprächsrunde. Wer weiß!! Ich hoffe nur, daß man sich heute Abend wieder treffen könnte.

Montag, 16. März 1998
Eine neue Woche beginnt. Heute steht Bath, Wells, Glastonbury und Cheddar auf dem Programm. Das Wetter hält sich immer noch ganz prima; Temperaturen zwischen 10 und 12°C tags und 6°C nachts; bewölkt, aber trocken, so gut wie kein Sonnenschein und mittelmäßiger Wind. Was will man noch mehr! Ich bin echt gespannt auf die beiden Städte Bath und Wells und besonders auf Cheddar, kommt doch von dort der heiß geliebte Käse... Bath ist erreicht. Welch eine Enttäuschung!!! Laut, dreckig, stinkig und absolut häßlich. Nur dieser hellbeige Granit, überall. Und viel zu viel Verkehr. Bath war es wirklich nicht wert, auszusteigen. Nicht einmal die Kathedrale selbst, die außerdem mitten in der Stadt auf einer Art Verkehrsinsel steht, wo man überhaupt keine Chance auf einen Parkplatz hat. Gleiches galt für die Reste Römischer Anlagen. Ganz im Gegensatz dazu Wells. Dieser Ort hat wirklich gefallen. Ist ja auch wesentlich kleiner als Bath. Dafür ist die Kathedrale aber wesentlich größer und viel toller als die von Bath. Nur verlangen sie hier Eintritt: Immerhin £3! Ein unverschämter Preis, zumal momentan (oder noch immer?) die Restaurierungsarbeiten im Gange sind. Und das stört erheblich den Genuß. Und dann dafür £3 zahlen?... Gleich geht es weiter, Richtung Glastonbury und dann nach Cheddar, oder umgekehrt? Ich glaube erst Cheddar und dann Glastonbury ist besser, da man von Cheddar ziemlich direkt heimwärts fahren kann... Hatte gerade eine nette Unterhaltung mit einem älteren Gentleman. Fährt einen Oldtimer, ich denke es ist ein Morris (es war ein Austin); auf jeden Fall ist das Auto 64 Jahre alt und sieht besser aus, als mein Golf! Astrein gepflegt. So nun geht es endgültig weiter... Cheddar wäre ein nettes kleines Kaff gewesen, nur herrscht hier ein Touristenrummel, der sämtliche Grenzen des guten Geschmackes sprengt. Und zwar erstens dem Käse wegen und zweitens wegen der Cheddar Gorge, einer Felsenschlucht. Über diese würde allerdings jeder Bewohner des Alpenraumes nicht ein einziges Wort verlieren, aber in einer topfebenen Landschaft ist das halt schon etwas. Im Augenblick bin ich in Glastonbury. Wollte mir eigentlich die Abbeyruine ansehen. Aber man verlangt auch hier £2.50 Eintritt. Für die alten Reste einer Abtei. "Die spinnen, die Engländer", würde Asterix jetzt sagen, und er hat vollkommen Recht. Fast 10 gute deutsche Mark blechen, nein danke! Und da es fast halb vier ist, werde ich den Heimweg antreten.

Dienstag, 17. März 1998
Heute ist St. Patricks Day. Ein irischer Feiertag. Ein rein irischer Feiertag, dachte ich wenigstens bis heute. Weit gefehlt, die Briten, die ja sonst nicht besonders gut auf die Iren zu sprechen sind, feiern trotzdem feste mit. Channel 4 (TV-Sender) bringt seine "The Big Breakfast"-Sendung die ganze Woche aus Dublin. Und sie feiern fleißig mit. Ich glaube, die Mentalität der Engländer (also nicht Schotten oder Waliser) wohl nie verstehen zu können. Auf der einen Seite bekämpfen sich Iren und Engländer in Nordirland bis auf das Blut und auf der anderen Seite feiern sie gemeinsam, als sei nie etwas gewesen. Soviel zum heutigen Feiertag... Für heute steht das Dartmoor auf dem Programm. Die einzige wirkliche große Fahrt mit etwa 400 Kilometer. Es geht durch vier Grafschaften: Wiltshire, Dorset, Somerset und Devon. Exeter und die anderen Städte habe ich auf den Hinfahrt (dies schreibe ich bereits wieder auf dem Rückweg) beiseite gelassen. Werde die Abstecher auf dem Rückweg nachholen. In Okehampton habe ich bei Somerfield die heutigen Vorräte eingekauft, auch Sandwiches (die ersten echten seit Anbeginn!). Was langsam wirklich nervt, ist das ständige "Pay-and-Display". Bei kurzen Aufenthalten stört mich das schon gar nicht mehr. Zahle einfach nicht, wie es die Einheimischen übrigens auch tun... Die ersten Entdeckungen im Dartmoor sind bereits gemacht. Erstens die berühmten Dartmoor Ponies (vergleichbar mit Shetland- oder Islandponies) und die sogenannten Tors, künstliche und natürliche Steintürme. Gleich geht die Fahrt weiter nach Merrivale (ein prähistorischer bedeutender Ort) und dann nach Princetown, wegen dem Knast... Also, von Merrivale habe ich mir mehr versprochen. Eigentlich war so gut wie nichts zu sehen, außer ein paar vereinzelten Steinen. Und mit dem Parken ganz in der Nähe war, wie gewohnt, auch nichts los. Dann eben nach Princetown. Eigentlich ein häßlicher Ort, existiert wohl nur wegen dem Knast. Und nahe, am und beim Knast, ist photographieren strengstens verboten. Darüber wird gewacht. Aus der Ferne hatte allerdings niemand etwas dagegen. Bei Postbridge bin ich dann "schnell" in einen Pub eingekehrt; ein Sandwich (Käse mit Tomaten) und ein Pint Bitter verdrückt und weiter. Der Pub ist übrigens sehr alt, und man sagt, daß das Kaminfeuer seit über 150 Jahren ununterbrochen brennt. Wer kann das schon solange kontrollieren? In Grimspound war ich auch. Nicht leicht zu finden gewesen, aber mit der Zeit hat man eine Spürnase für so etwas. Und eine gute Karte natürlich! Der Rest (Hound Tor, Berrypound, ...) mußten wegen Zeitmangel entfallen. Die Zeit war einfach zu weit vorangeschritten. Auch Yeovil, Sherbourne und Shaftsbury waren nur Durchfahrtsstationen. Nach Abschluß der heutigen Fahrt war es bereits 19 Uhr 15, als ich wieder in Salisbury ankam. Aber Dartmoor hat viel gehalten, von dem was es versprochen hat und was man sich so erzählt. Zum Beispiel hat es weit und breit nicht geregnet, eben nur im Dartmoor. Dazu war es sehr windig und ganz schön verdammt kalt. Ich glaube, für das Dartmoor braucht man länger als einen halben Tag. Mindestens zwei bis drei Tage, um nicht nur Dartmoor, sondern auch die Umgebung kennen zu lernen.

Mittwoch, 18. März 1998
Der letzte Tag ist angebrochen. Für heute habe ich mir nicht mehr viel vorgenommen. Als erstes will ich einkaufen gehen, wahrscheinlich bei Sainsbury‘s. Kostet mich wieder 50p Parkgebühren, was hier im Süden allgemein üblich zu sein scheint, aber furchtbar nervt. In diesem Fall zahle ich allerdings gerne, den das Parkhaus liegt direkt unter Sainsbury‘s und so brauche ich später die vielen Tüten nicht allzu weit zu tragen. Als zweites gehe ich zum Jobcenter, gleich gegenüber, und checke einmal wieder meine Chancen. Ich bin immer noch von dem Gedanken besessen, nach Großbritannien auszuwandern. Vielleicht sind meine Chancen hier im Süden etwas besser!? Warten wir das Ergebnis ab. Und als dritte Tat fahre ich noch einmal nach Avebury. Schließlich ist heute Mittwoch, ein normaler Arbeitstag, und da hoffe ich doch stark, daß wesentlich weniger Besucher (hoffentlich gar keine) da sind und man etwas mehr Ruhe und größere Chancen auf einen Parkplatz hat... Nach dem anstrengenden Tag gestern habe ich heute etwas länger geschlafen und mein Frühstück wirklich erst um 9 Uhr begonnen; sonst bin ich nämlich immer etwas früher erschienen. Bis jetzt hat es auch keine Schwierigkeiten gegeben, da ich wohl der einzige Gast bin. Nur die Wirtin ist so was von mundfaul, es ist kaum ein Wort aus ihr herauszubekommen, obwohl doch wirklich mehr Zeit als genug ist. Ich habe zwar immer wieder versucht eine Unterhaltung in Gang zu bringen, meist doch vergebens. Dagegen sind die Schotten ein vollkommen anderes Volk. Mit denen kann man zu jeder Zeit sich über alles prima unterhalten. Ihnen ist eine Unterhaltung nie lästig. Den Tommys anscheinend ja. Bei den Schotten muß man sich sehr in Acht nehmen, sonst wird man sie gar nicht mehr los (was mir schon passiert ist), und der geplante Tag gerät mächtig ins Wanken... Ach ja Wanken: Gestern waren im britischen Parlament Debatten um den Haushalt für die kommenden Jahre. Es wurde wie bei uns viel geredet, aber leider machen die Briten eher "Nägel mit Köpfe". Die Ergebnisse (wenigstens die wichtigsten für mich) sind:
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Preis für 1 Pint Bier |
+ 1p |
Preis für Whisky, u.ä. |
+/- 0p |
Preis für "Unleaded" |
+4.4p |
Preis für "Diesel" |
+5.4p * |
Preis für "4Star" |
+4.9p * |
Preis für Zigaretten |
+20p * |
* Der Rest hier ist für mich eher unwichtig, aber dennoch erwähnenswert.
Die kassieren die armen Autofahrer genauso ab, wie wir Deutschen. Dafür gibt es aber teilweise erhebliche Steuerentlastungen für Familien (finde ich gut, wäre bei und ganz unmöglich; wir brauchen ja jeden Pence für die Ossis) und man hat sogar steuerliche Anreize geschaffen dafür, daß man lieber arbeiten geht, als daß man auf arbeitslos macht (wäre bei uns ebenfalls unmöglich! Wir sagen "lieber arbeitslos und viel Geld vom Staat bekommen als arbeiten und viel bezahlen müssen"). Soweit die Ergebnisse der Debatten. Und soweit die gesamte heutige Planung. Nur das Wetter hat am letzten Tag nicht mitspielen wollen. Denn heute ist ein strahlend blauer und sonniger Tag (der Erste!) mit Tagestemperaturen bis zu 14°C. Da habe ich beschlossen, zuerst nach Avebury zu fahren und dann (gegen 16 Uhr) einkaufen zu gehen. Und zum Jobcenter natürlich auch noch... Bei Kennett West Long Barrow bin ich heute der Einzige!!! Meine Vermutung war also richtig. Dann ‘mal los!... Auf dem Rückweg vom Long Barrow lege ich noch einen Zwischenstopp in Marlborough ein... Habe meine Pläne geändert. Bin nach Devizes (mit großer Brauerei: Wadworth) statt nach Marlborough gefahren und von dort aus zurück nach Salisbury. Mir erschien Devizes interessanter als Marlborough, gegen den Long Barrow von Kennett West kann sowieso nichts mehr bestehen. War einfach zu toll!

Donnerstag, 19. März 1998
Heute geht es nach Hause. 16 Stunden Rückfahrt und die Fährüberfahrt Dover nach Calais liegen vor mir. Um 7 Uhr gibt es bereits Frühstück. Ausgiebig wie üblich. Nach dem ich stolze £94.40 losgeworden bin, ging es um 7 Uhr 30 in Salisbury los. Auf der M27 war mächtig viel Verkehr, aber es lief trotzdem erstaunlich gut. Gegen 9 Uhr 30 war ich bereits in Brighton und um 11 Uhr 30 erreichte ich schon Dover. Wie letzten Freitag hatte ich keinerlei Möglichkeit, auch nur eine Sekunde zu verschnaufen. Während ich das Fährticket kaufte, erfuhr ich, daß die SeaCat (Katamaran) fast schon beim Auslaufen ist. Mit viel Glück kam ich noch auf die Fähre, so daß ich bereits um 12 Uhr (GMT!) auf dem Kanal unterwegs war. Ich hätte auch mit dem Luftkissenboot (HoverCraft) fahren können, Aber bis 13 Uhr 30 GMT warten, da fehlte mir der Sinn dafür. Denn das sind immerhin 1½ Stunden, die ich "sinnlos" verplempern müßte. Wäre alles kein Problem, wenn nicht ab Calais noch 900 Kilometer vor mir liegen würden. Also etwa 10 Stunden Fahrt. Das Fährticket hatte mich £55 gekostet. Das sind etwa 165DM oder FF490. Also der gleiche Preis wie auf der Hinfahrt. Ich denke, dieser Preis geht in Ordnung. Nach einer ersten Überschlagsrechnung bleiben mir sogar £50 übrig. Wenn ich nicht in Dover noch schnell für £12 vollgetankt hätte und ich nicht auf der Fähre noch £5 für Essen ausgegeben hätte, wären es sogar fast £70 gewesen. Und dabei habe ich gestern bei Sainsbury’s und Tesco insgesamt £25 gelassen. Für diverse Einkäufe. Ich hoffe nur, daß sowohl Bacon als auch die Sausages die Rückfahrt einigermaßen überstehen. Mit zwei tiefgefrorenen Kühlelementen dürfte wohl nichts passieren. Auch hoffe ich, daß das Wetter (heute war wieder Sonnenschein, aber nachts doch recht kalt) wieder kälter wird... Im Gegensatz zur Hinfahrt, wo die Fähre nicht einmal halbvoll war, konnte man nun froh sein, überhaupt noch einen Sitzplatz zu bekommen. Gestopft voll war der Kahn. So, und damit ich die nächsten 900 Kilometer einigermaßen überstehe, habe ich mir (an Bord!) zwei Sandwiches und ein halbes Pint (mein erstes übrigens, sonst gibt es nur ganze Pints) Bitter (John Smith) geleistet. Zusammen £4.70. Damit reduziert sich zwar das Restgeld auf etwa £47, aber diese Summe entspricht jetzt genau meiner Rechnung, nach der ich für diese Woche £254 hätte brauchen dürfen, d.h. ich habe sogar noch £1 gespart. Das restliche Geld geht im Oktober natürlich mit nach Schottland!... Die Überfahrt hat ziemlich genau 45 Minuten gedauert (Durch den Tunnel wäre es mit Sicherheit auch nicht schneller gegangen). Es ist jetzt 14 Uhr kontinentaler Zeitrechnung. Somit könnte ich wirklich gegen Mitternacht zu Hause sein. Wenn nicht der Verkehr zu heftig ist und sich die Baustellen in Grenzen halten... Um 23 Uhr erreichte ich endlich Stein, nach 16 Stunden Fahrzeit. Ich muß gestehen, daß die ganze Aktion mir viel Spaß gemacht hat, meine Vorfreude auf Schottland gesteigert hat und vielleicht im nächsten Jahr eine ähnliche Fahrt im Kopf reifen läßt.

Schlußwort
Vor nicht allzu langer Zeit habe ich im Fernsehen eine Dokumentarsendung über die Grafschaft Norfolk (in Ostengland oder East Anglia) gesehen. Man hat auch über Norwich, der Stadt, von wo mein absoluter Lieblingssenf, der Coleman’s, kommt, berichtet. Während dieser Sendung habe ich dann auch beschlossen, daß ich im nächsten Frühjahr (also 1999) für eine Woche dorthin fahren werde und einen ähnlich schönen Urlaub wie dieses Jahr dort verbringen werde. Dort gibt es eine ganze Menge von Kathedralen (obwohl ich alles andere als christlich bin) zu sehen, wie die von Ely, Peterborough, Lincoln und Norwich selbst. Außerdem gibt es in dieser Gegend eine einzigartige Landschaft, die Fens, die topfeben und fast absolut baumlos ist. Das kommt daher, daß dieses Gebiet früher Meer (also Nordsee) war, und die Menschen diese Geestlandschaft dem Meer abgerungen haben. Und nicht zu vergessen, die Unmengen von Pubs und das Mustard-Museum der Firma Coleman’s in Norwich. Daher auch das Reisemotto "Von Kathedralen, Pubs und scharfen Sachen". Was mich jedoch erstaunt hat, ist die Tatsache, daß ich mich immer mehr auch für England, welches ich bisher aus der Sicht der Schotten betrachtet und gehaßt habe, interessiere. Vermutlich liegt es daran, daß man weder Schottland noch Wales noch England auf dieser kleinen Insel nur für sich alleine betrachten kann. Vielmehr sollte man deren Gesamtheit sehen. Was ich ab sofort auch machen werde. Der letzte Kurzurlaub war ja schon der erste Beweis dafür. Und außerdem verbrachte ich schon einmal einen Urlaub, wenn auch nur einen Teil davon, in England. Das war 1993, als ich nach zwei Wochen an der Westküste Schottlands ("From Hull to Mull") noch eine Woche im Lake District verbrachte.
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