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England Frühjahr 2001
"AUF DEN SPUREN CÄSARS"
(DIE RÖMISCHE BESIEDELUNG ENGLANDS)
VOM 15.03.2001 BIS 22.03.2001
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Ein Vorwort
Das Jahr EINS nach HoverCraft. Seit dem 1. Oktober 2000 wurde ja bekanntlich der Fährverkehr über den Ärmelkanal mittels der beiden Luftkissenboote "Princess Anne" und "Princess Margaret" eingestellt. Echt schade, denn die Überfahrt war jedes Mal ein echtes Erlebnis (wenn auch höllisch laut), aber dafür auch wahnsinnig schnell. 30 Minuten von Calais nach Dover; das hat nicht einmal der parallel dazu verkehrende Katamaran geschafft. Der brauchte immerhin 45 Minuten. Und die beiden Ersatzschiffe, ebenfalls vom Typ Katamaran, sind keineswegs schneller, auch wenn sie moderner und größer sind. Eine Ära ist zu Ende gegangen. Nun, wie dem auch sei, man muß sich mit den Gegebenheiten abfinden und so erfolgen in diesem Jahr halt die Überfahrten über den Kanal mit den neuen Schiffen. Heute schreiben wir den 16. Februar 2001; die Tickets für die Fähre wurden gestern bei HoverSpeed direkt in Frankfurt (am Main!) gebucht und heute das notwendige Kleingeld bei meiner Bank bestellt. Noch 29 Tage, dann ist es soweit...
Und noch ein Vorwort
Es geschehen Dinge, die und an die glaubt man nicht mehr. Seit über sechs Jahren versuche ich nun schon meine Eltern zu einem, wenn auch noch so kurzem, Englandaufenthalt zu überzeugen. Bisher vergebens. Und in diesem Jahr? Ich kann mein Glück immer noch nicht so recht fassen, denn meine Eltern haben freiwillig, ohne mein Zutun, angefragt, ob sie nicht doch einmal mit mir nach England fahren dürften. Daß ich da sofort "auf jeden Fall" und "liebend gerne" gesagt habe, war wohl jedem klar. Und so fahren wir alle drei nach England. Die Unterkunftssuche hat sich glücklicherweise als recht ergiebig herausgestellt (mit tatkräftiger Unterstützung des Internets), auch wenn das gebuchte Quartier für mich alleine nicht von allen drei benutzt werden kann, aber ich denke, Margate dürfte auch nicht die schlechteste Wahl sein, zumal die Zimmer "en Suite" sind, d.h. mit eigenem Bad. So braucht besonders Mutti nicht Angst zu haben, eine "Massentoilette" benutzen zu müssen. Nur einen kleinen Schönheitsfehler hat die Sache doch, denn vor etwas zwei Wochen ist in England die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen und sie verbreitet sich seit dem mit rasender Geschwindigkeit. Besonders mich trifft es hart, denn sowohl Milchprodukte (also keine Butter und keinen Käse) als auch Fleisch- und Wurstwaren (keine Sausages, kein Bacon mehr!) dürfen wegen möglicher Verbreitungsgefahren nicht mehr ausgeführt werden. Echt Schade...

Donnerstag, 15. März 2001 / Freitag, 16. März 2001
Es ist etwa 23 Uhr 30. Die Abfahrt steht kurz bevor. Doch nicht wie in den vielen letzten Jahren führt mich der Weg direkt Richtung Autobahn, nein, in diesem Jahr ist alles ein bißchen anders. Denn bevor ich die 860 Kilometer nach Calais antrete, lade ich noch zuvor meine Eltern ein. Ja! Man liest richtig. Nach fast sechs Jahren habe ich es geschafft, daß meine Eltern das "Wagnis England" auf sich nehmen. Für mich wird es sicherlich auch ein Wagnis werden, denn die Gewohnheiten der letzten Jahre werde ich wohl etwas einschränken müssen. Aber dennoch freue ich mich unbändig und hoffe, meinen Eltern einen erlebnisreichen Urlaub bieten zu können. Und das alles im Alfa Romeo. Was kann da noch passieren?... Es passiert genug. Seit drei Wochen grassiert die Maul- und Klauenseuche in England (siehe Vorwort) und seit drei Tagen vor der Abfahrt regnet es ununterbrochen. Ich befürchte schon, daß dieser Urlaub ins Wasser fallen wird. Im wahrsten Sinne des Wortes... Die Fahrt nach Calais, die Papa und ich sich teilten, war bestimmt vom Dauerregen. Erst bei Lille hat sich das Wetter gebessert. Die ganze Fahrt von zu Hause nach Calais verlief ohne große Probleme. Wesentlich weniger Baustellen als letztes Jahr im Oktober, kaum Verkehr, kaum Behinderungen. Daher wunderte es uns nicht, als wir bereits um 8 Uhr 45 in Calais ankamen. Zwei Stunden vor der Abfahrt der Fähre (Katamaran)... Also erst einmal die bestellten Fährtickets abholen, dann sich ein bißchen umsehen, photographieren und den Eltern das eine oder andere erklären. Auch aus der Vergangenheit... Abfahrt der Fähre Punkt 10 Uhr 45... Ankunft in England um 11 Uhr Ortszeit. Eine Verspätung von etwa 30 Minuten. Warum? Das weiß keiner bis auf die Tatsache, daß das Schiff eine Ewigkeit im Hafen anscheinend ziellos umherirrte... Die Fahrt nach Clifftonville (Ortsteil von Margate) war zwar etwas chaotisch aber erlebnisreich für meine Eltern. Immerhin die ersten englischen Eindrücke... 12 Uhr sollte die Ankunft sein, 12 Uhr 04 waren wir da. Perfektes Timing... Die Zimmer sind unbeschreiblich schön, das Haus auch, die Leute unbeschreiblich nett... Ein 100-prozentiger Volltreffer. Die Zimmer mit eigenem Bad, Dusche und WC. Das Haus im viktorianischen Stil und irgendwie sympathisch und die Wirtsleute Patricia und Brian dermaßen nett (sie sprechen sogar etwas deutsch, weil sie einige Zeit in Deutschland waren)... Der erste Rundgang durch Clifftonville ist viel versprechend. Benzin zwischen 73.9p und 75.9p, das Pint "Whitbread Bitter" für £1.81 und die Fish'n'Chips für £2.50 bis £3.00. So ein niedriges Preisniveau hatte ich seit vielen Jahren nicht mehr. Wenn ich da an letztes Jahr denke, stehen mir jetzt noch die Haare zu berge... Nach einem Rundgang durch die Stadt gab es die ersten beiden Pints im Pub "Belle Vue" und nach einem Einkaufsstopp bei Tesco sind wir zurück in unsere Unterkunft. Danach als Abendessen Sandwiches bestehende aus Weißbrot, Butter, Schinken und Käse. Als krönender Abschluß ging es in die hauseigene Bar (das Haus ist "licensed", d.h. es darf Alkohol ausgeschenkt werden; jedoch nur an Hausgäste). Erst wurde lustig mit den Wirtsleuten, dann zusätzlich mit einem befreundeten Ehepaar geplaudert, gelacht und natürlich den einen oder anderen Whisky, das eine oder andere Pint "John Smith's Bitter" getrunken. Aber gegen 21 Uhr 30 hat dann der lange Tag doch seinen Tribut gefordert und wir sind alle drei todmüde in unsere Betten gefallen. Ich jedoch nicht bevor ich nicht wenigstens noch eine kurze Zeit ferngesehen hatte...

Samstag, 17. März 2001
Der 17. März. St. Patricks Day. Ob hier wieder so toll gefeiert wird, wie ich es teilweise in den letzten Jahren erlebt habe? Für heute habe eine Fahrt nach Canterbury geplant. Laut Aussage von Brian ist die Kathedrale wieder offen. Aber der Eintrittspreis? Darf man innen photographieren? Lauter Fragen. Aber lassen wir uns überraschen. Doch zuvor kommt noch etwas viel spannenderes. Das Frühstück! Nur bis dahin dauert es noch etwas, denn es ist gerade kurz nach 6 Uhr morgens und Frühstück gibt es erst um 9 Uhr. Zum Glück habe ich einen Fernseher... Das Frühstück war eine Wucht. Mehr als ausreichend und mehr als vielfältig und nicht so eintönig und mager wie bei Mrs. Cook in Inverness. Alles was das Herz eines Englandfans benötigt. Man könnte glauben, daß so etwas nichts Besonderes ist, besonders wenn man so lange nach Großbritannien fährt. Und doch gibt es immer wieder Überraschungen. Diesmal: Man mußte (oder konnte) sich seinen Toast selber machen. Selbst meinen Eltern hat das Frühstück sehr zugesagt, auch wenn sie nicht mehr alles essen konnten. Für sie war es einfach zu üppig... Nach diesem opulenten Frühstück ging es also (für mich wieder einmal) nach Canterbury. Diesmal von der anderen Seite. Dennoch habe ich sofort meinen Parkplatz vom letzten Jahr wieder gefunden. Und er war noch immer umsonst. Kein Pay-and-Display. Sogar wettermäßig hatten wir Glück. Stark bewölkt, meist trocken und ab und zu etwas Nieselregen. Aber nie viel. Also habe ich meinen Eltern all das gezeigt, was ich mir im letzten Jahr angesehen hatte und was dazu zeigenswert ist. Brian hatte Recht, die Kathedrale war wieder zugänglich. Aber bei einem Eintrittspreis von £3.00 haben wir alle drei lange darüber diskutiert ob wir hineingehen oder nicht, denn der Preis erschien einfach zu hoch. Daher haben wir auf einen Besuch verzichtet und uns lieber für den Pub entschieden. Wir wollten uns etwas aufwärmen, denn besonders warm war es an diesem Tage mit 5°C nicht gerade und der starke Ostwind vom Meer her tat sein übriges. Aber anscheinend hatte man in Canterbury es nicht notwendig, Gäste zu bewirten. Denn in zwei Pubs warteten wir vergebens auf unser Pint... Daher beschlossen wir, nach Margate zurückzufahren. Kurz hinter Canterbury war noch eine Lektion in Gigantismus fällig. Ich hatte meinen Eltern einen ASDA Supermarkt gezeigt. Zum Glück einen richtig großen. Sie waren von den Dimensionen mächtig beeindruckt und von der Vielfalt der Angebote völlig überrascht. Ich kannte dies alles ja schon. Nach dem ich meine Einkäufe getätigt hatte, fuhren wir über Herne und Herne Bay nach Margate zurück. Ankunft gegen 14 Uhr 30, genau richtig für den ersten Pubbesuch. Also Auto abgestellt, die Wertsachen auf das Zimmer gebracht und dann los... Die ersten zwei Pints pro Person dauerten in aller Ruhe bis gegen 18 Uhr. Dann hieß es ab in den Chip-Shop. Die ersten Fish'n'Chips für mich in diesem Jahr, für meine Eltern die ersten in ihrem Leben. Zuerst herrschte bei ihnen Skepsis vor, dann haltlose Begeisterung bezüglich des Essens. Sogar der Essig wurde mit Begeisterung aufgenommen. Einschließlich Tee, Brot und Butter kostete das Essen £3.30 für jeden. Und das sogar "Sit-In". Anschließend kehrten wir gestärkt in den Pub "Belle Vue" zurück auf weitere zwei Pints vom guten "Whitbread Bitter". Sogar unser Tisch war noch (oder schon wieder) frei. Um 21 Uhr haben wir dann schließlich Schluß gemacht und sind heim. Meine Eltern werden wohl gleich schlafen gehen, ich werde noch etwas fernsehen. Und morgen?

Sonntag, 18. März 2001
Es ist schon komisch. Gestern Nacht habe ich nach dem Pubbesuch noch bis gegen halb eins ferngesehen und war schon wieder um 6 Uhr 30 wach. Aber in diesen sechs Stunden habe ich so tief und fest geschlafen, daß es wieder für den ganzen Tag ausreichen wird. Daheim bekomme ich nachts kaum ein Auge zu... Mit der Maul- und Klauenseuche haben wir bis jetzt großes Glück gehabt, auch wenn Brian uns am Freitag Abend verkündet hat, daß es jetzt auch in Kent den ersten fall gegeben hat. Insgesamt waren es gestern 41 neue Fälle. Auf dem Weg nach Hause sind wir bei St. Nicolas-in-the-Wade von der Autobahn runter und voll ins gefährdete Gebiet gefahren. Also nichts wie zurück auf die Autobahn hieß es da... Heute wollen wir Sandwich und Deal besuchen. Und vielleicht Broadstairs (dem Wohnort von Charles Dickens) auf dem Heimweg. Wir werden sehen, alles hängt von der Entwicklung des Wetters ab, die im Moment nicht sehr rosig ist... In Sandwich angekommen, hat es bereits zu regnen begonnen, allerdings mehr Nieselregen. Wir beschlossen einen Stadtrundgang. Glücklicherweise ist Sandwich nicht sehr groß, so daß wir einiges, wenn auch nicht alles, sehen konnten bevor der richtige Regen losging. Photographieren war fast nicht möglich, nicht wegen der fehlenden Motive, nein, wegen des fehlenden Platzes. Denn hier sind die Straßen und Gassen derart schmal, daß selbst ich mit meiner Kamera und meinen Objektiven es nicht geschafft habe, die Objekte einigermaßen anständig ablichten können. Schade! Nach einem einstündigen Rundgang beschlossen wir, heftig durchnäßt, daß wir nach Deal weiterfahren. Doch dort hatte der Nieselregen normale Ausmaße angenommen und wir waren völlig naß, noch bevor wir den Parkplatz richtig verlassen hatten. Meinen Eltern schien das Ganze wenig auszumachen, aber mir! Jedoch behielt ich meine Meinung für mich. Nach einem größeren Umweg über Wigham (Richtung Canterbury) gelangten wir gegen 13 Uhr 30 bei nachlassendem Regen wieder in Clifftonville an. Nach dem das Auto abgestellt und ein kleiner Snack eingenommen worden war, begann uns die Frage zu quälen, was und wo wir heute Abend essen werden. Unser Chip-Shop hat am Sonntag geschlossen, die Pizzeria verlangte unverschämte Preise und der Chinese fand bei meinen Eltern wenig Zuneigung. Also blieb uns nur die Selbstversorgung via Tesco übrig: Brötchen, Butter, Schinken, Käse (Red Leicester) und Limonade sowie eine Flasche Whiskey (das "e" ist diesmal richtig; denn es war ein irischer Whiskey namens "Jameson") sollte unser Abendessen darstellen. Andere Möglichkeiten gaben es zwar, waren zum Laufen aber zu weit entfernt. Zuvor zwischen dem Abendessen und dem Einkauf erst in den Pub auf zwei Pints. Dann Abendessen daheim unter beengten Verhältnissen und darauf hin noch einmal in den Pub auf zwei weitere Pints "Whitbread Bitter". Abgesehen von Papas ständiger Nörgelei über alles war es ein schöner Abend... Daheim angekommen hat sich jeder in sein Zimmer zurückgezogen. Meine Eltern werden sicherlich bald schlafen (warum schalten sie den Fernseher nicht ein?) und ich werde noch etwas fernsehen, aber nicht wieder bis halb eins morgens.

Montag, 19. März 2001
Also so ein Wetter habe ich in den letzten 11 Jahren nicht erlebt. Dagegen waren so manche Urlaube in Schottland echt harmlos. Fast durchgehender Regen (obwohl es ab Montag sonniger werden soll, so der Wetterbericht der BBC), frostige Temperaturen bei maximal 8°C am Tage und ein böser, eisiger Wind, gegen den nicht einmal die Ausrüstung eines Eskimo helfen würde. Dieser Wind durchdringt alles. Heute nacht hatte es dermaßen gestürmt, so daß ich ständig aufgewacht bin. Schlimmer ist, daß der Wind direkt vom Meer kommt. Und das ist von unserer Unterkunft nur etwa 200 Meter entfernt! Ich hoffe, daß das Wetter etwas sonniger wird, denn heute möchte ich mit meinen Eltern nach Tunbridge Wells fahren. Und Tunbridge Wells macht eigentlich nur bei Sonne den richtigen Eindruck auf den Besucher... Wir fahren doch nicht nach Tunbridge Wells, weil wir von Patricia einen guten Tip erhalten haben: Whistable. An der nördlichen Küster der Isle of Thanet. Wir werden es versuchen und auf dem Rückweg werden wir in Faversham (wo wir eigentlich bleiben wollten) vorbeischauen... Doch zuvor heißt es warten, bis es endlich Frühstück gibt... Bei dem zunehmenden Sonnenschein könnte man dann endlich auch an den Strand gehen. Das fehlt mir noch. Und da die Aussichten immer besser werden, sind wir dann auch wirklich nach Whistable gefahren. Zuvor mußte ich noch tanken. Überraschenderweise hat der Alfa mit drei Personen und dem zugehörigem Gepäck nur 6,53 Liter auf 100 Kilometer benötigt. Eine wahrlich erstaunliche Leistung. Der Tankstopp in Belgien ergab einen Verbrauch von 6,52 Liter auf 100 Kilometer. Ich war schon da absolut verblüfft... Das erste was uns in Whistable empfängt, ist ein penetranter Geruch nach Fisch. Aber dafür ist das ja auch ein Fischerort und man darf daher nicht zu streng sein. Wir lassen uns davon nicht abschrecken und erkunden den Ort. Von wegen, es ist eine kleine Gemeinde, wie man uns versuchte weiszumachen! Wir brauchen insgesamt über drei Stunden um uns alles anzusehen, einschließlich der Fischmarkthalle. Ach ja die Fischmarkthalle, wenn das Angebot sieht, könnte man sich in Grund und Boden ärgern, weil man nicht die Möglichkeit hat, selbst zu kochen. Frischer Fisch direkt vom Boot, etwas Besseres kann es einfach nicht geben... Leicht frustriert ob dieser Tatsache begeben wir uns auf einen Rundgang durch den Ort, dessen Qualitäten auch nicht so schlecht sind. Auf dem Rückweg zum Auto statten wir dem Strand und der Nordsee einen Besuch ab. Von Whistable geht es dann schließlich weiter nach Herne Bay. Hier statten wir der Stadt, besonders der großzügigen Fußgängerzone ebenfalls einen Besuch ab. Auch hier müssen wir feststellen, daß diese Stadt ein gewisses Flair besitzt. Nach dem wir diese Örtlichkeit erkundet hatten, kehren wir nach Clifftonville zurück, denn wir alle drei haben einen mordsmäßigen Durst nach dieser vielen Lauferei. Zurück im "Belle Vue" genehmigen wir uns je zwei Pints des guten "Whitbread Bitter" bevor es zum "Godwin" geht, unserem Chip-Shop für das alltägliche Abendessen. Danach wieder zurück ins "Belle Vue" auf zwei weitere Pints und anschließend machen wir uns auf den Heimweg. Daheim angekommen, gehen wir zielstrebig in die hauseigene Bar auf ein weiteres Bier ("John Smith's Bitter"; leider aus der Dose), auf einen Gin und Whisky. Das gibt dem Abend den Rest. Ich für mich habe mich mit Patricia und Brian ja bestens unterhalten, nur meine Eltern taten mir immer wieder Leid, da sie von der Unterhaltung recht wenig verstanden, auch wenn ich immer wieder übersetzt und erklärt habe. Gegen 22 Uhr lösten wir die "Gesellschaft" auf. Es dauerte nicht lange, bis Papa an meine Zimmertüre klopfte. Er teilte mir es peinlich berührt mit, daß sie jetzt im Zimmer gegenüber eingezogen sind, weil das Bett kurz zuvor zusammengebrochen ist. "Isn't it funny?" Und so endete der Tag, der alles geboten hatte, was das Herz begehrte und mit einer handfesten Überraschung, mit der wohl niemand gerechnet hatte, oder? Und was erleben wir morgen?

Dienstag, 20 März 2001
Wenn ich mich richtig erinnere, ist heute Frühlingsanfang. Aber nach dem Wetterbericht der BBC könnte man eher glauben, es sei Winteranfang. Denn heute soll es schneien oder wenigstens Graupelschauer geben. Und dazu von der See her ein bitterkalter Wind. Die Höchsttemperaturen sollen nur bei 2°C bis 7°C liegen. Es ist nicht zu glauben... Die Maul- und Klauenseuche ist immer noch nicht unter Kontrolle, auch wenn der englische Landwirtschaftsminister es letzte Woche bereits verkündet hatte. 349 bestätigte Fälle. Glücklicherweise ist Kent immer noch weitestgehend davon verschont. Am schlimmsten ist es in den Grafschaften Cumbria, Northumberland, Dumfries and Galloway sowie in Devon. Die Regierung denkt daran, die Armee gegen die protestierenden Landwirte einzusetzen. Ich denke, die Situation spitzt sich langsam zu. Die momentane Lage, wie gesagt: 349 bestätigte Fälle, fast 600.000 getötete Tiere. Und ein Ende ist vor Mitte Mai nicht abzusehen...
Ich überlege immer noch nach Tunbridge Wells zu fahren, auch wenn es an die 200 Kilometer sind. Alternativ wäre eine Fahrt nach Broadstairs und Ramsgate erwägenswert. Vielleicht aber auch der Tagesvorschlag für morgen, den morgen ist Mittwoch und unser letzter Tag. Und dem letzten Tag gehören traditionsgemäß die Vorbereitungen für die Heimreise und das Einkaufen.
Einkaufen ist leider durch die Maul- und Klauenseuche erheblich eingeschränkt. Keine Fleisch- und Wurstwaren (also auch kein Bacon, keine Sausages; dabei wäre das kalte Wetter ideal!), keine Schokolade und keine Milchprodukte (also keine gesalzene Butter und kein Käse; das fällt mir am schwersten!). Mit den anderen Dingen dürfte es keinerlei Probleme geben. Brot, Marmelade, Crisps, Whisky, baked Beans usw. sind wohl hoffentlich problemlos. Wir haben es doch getan. Wir haben Royal Tunbridge Wells (so der offizielle Name) besucht. Und Pembury natürlich, wo ich letztes Jahr meinen Frühlingsurlaub verbracht hatte. Sie, meine Eltern, waren beeindruckt. Sowohl von Pembury als auch von Tunbridge Wells. Die Baustellen vor Tunbridge Wells sind fast verschwunden. Fast eben nur. Denn eine Stelle gab es noch und natürlich hat sich der Verkehr gestaunt, so stark, daß man hätte meinen können, alle Autos fahren gleichzeitig in eine Einbahnstraße... Meine bekannte Geheimadresse am Castle Hill hat sich wieder einmal als goldrichtig erwiesen. Es gab Parkplätze gebührenfreier Art mehr als genug. In Tunbridge Wells hat sich an für sich nichts geändert. Die Baustellen in der London Road sind beendet. Das Ergebnis kann sich für britische Verhältnisse sehen lassen. Leider hatte das Wetter wenig einsehen mit uns gehabt. Schon kurz nach der Ankunft in Tunbridge Wells hatte es angefangen heftig zu schneien... Ja, man liest an dieser richtig! Schneefall bei maximal 5°C! Und dabei ist es so gut wie Frühling. Wenn ich daran denke, daß ich letztes Jahr an selber Stelle zur selben Zeit strahlenden Sonnenschein und Temperaturen um die 20°C hatte, könnte ich aus der Hose fahren. Also haben wir uns nach geraumer Zeit Richtung Auto zurückgezogen und sind nach Margate heimgefahren. Hier hatte der Schneefall aufgehört und es war wenigstens trocken. Der beißende Wind blieb uns allerdings erhalten. Was sonst!? Nach ein paar Pints in unserem Pub und der üblichen Portion Fish'n'Chips im "Godwin Restaurant" hatten wir zur Nachtruhe in unsere Unterkunft begeben. Danach war dieser Tag zu Ende...

Mittwoch, 21. März 2001
Der letzte Tag bricht an! Ein schwerer Tag. Denn es regnet wie verrückt. Kein Tag, um ihn draußen zu verbringen. Man muß sich etwas einfallen lassen, um die meiste Zeit drinnen zu verbringen. Eigentlich wollten wir den Städten Broadstairs und Ramsgate einen Besuch abstatten. Das wir wohl bei diesem Wetter ins Wasser fallen müssen. Oder man wartet erst einmal den Wetterbericht ab, wobei ich persönlich wenig Hoffnung hege... Alternativ dazu könnte ein Ausflug nach Margate auf dem Programm stehen. Vielleicht auch zu Fuß, denn allzu weit ist es nicht von Clifftonville bis Margate. Auf jeden Fall darf der üblich Einkauf heute Nachmittag nicht vergessen werden, wenn auch, wie bereits erwähnt, der Umfang wegen der Maul- und Klauenseuche eingeschränkt werden muß... 395 bestätigte Fälle und Kent hat es jetzt erwischt. Als wir gestern über Canterbury zurück nach Margate fuhren, haben wir ersten Schilder "Foot-and-Mouth Desease, Infected Area" gesehen. Zum Glück fahren wir morgen früh wieder Richtung Heimat... Und nun zum BBC-Newsflash: Queniborough: 5 Einwohner sind an der Kreutzfeld-Jacob Krankheit (der menschlichen Form des BSE) gestorben, weil sie Rindfleisch trotz der bekannten Risiken gegessen hatten. Jeder weiß über die Gefahren, aber manche sind einfach unbelehrbar, auch wenn das Fleisch (angeblich) von lokalen Kühen und diese vom lokalen Metzger geschlachtet worden sind. Das Wetter: Morgens Schnee und Schneeregen, mittags Übergang zu Drizzle und ab nachmittags trocken. Temperaturen zwischen 5°C und 10°C... Am letzten Tag hatten wir dann doch noch etwas Unterstützung von den Heiligen, denn das Wetter wurde von Minute zu Minute besser, so daß wir schon beim Frühstück etwas Sonnenschein hatten und wir die geplante Fahrt nach Broadstairs und Ramsgate unternehmen konnten. Broadstairs wird von Charles Dickens dominiert. Leider war das Charles Dickens Museum zu dieser Jahreszeit noch geschlossen, aber ein Spaziergang am Hafen mit den meterhohen Wellen, die über die Kaimauer spritzten, hatten uns für den entgangenen Genuß reichlich entschädigt. Ansonsten war an dem Ort nicht viel sehenswert, weil wohl auch die Saison noch nicht begonnen hatte (Beginn um Ostern herum). Nach knapp 1¼ Stunden sind wir weiter nach Ramsgate gefahren. Hier hatten wir sogar einen gebührenfreien Parkplatz gefunden, und das ziemlich schnell. In Broadstairs mußten wir zahlen, aber 40p für zwei Stunden war zu viel verlangt. In der Innenstadt von Ramsgate war ganz schön was los, auch wenn bei der Größe der Stadt die Innenstadt relativ klein ist. Dafür ist der Hafen (Fährhafen eingeschlossen) umso größer. Nach Beendigung des Rundganges gegen 13 Uhr ging es wieder zurück nach Margate. Das allerwichtigste für mich stand jetzt auf dem Programm: Einkaufen bei ASDA, wie gewohnt am letzten Tag und wie erwähnt, abgespeckt. Diese Supermärkte faszinieren immer wieder. Besonders meine Eltern, die so etwas vor diesem Urlaub noch nie gesehen hatten... Abschließend noch auftanken und die ersten Vorbereitungen für die Rückreise treffen... Danach ab in den Pub auf zwei Pints "Whitbread Bitter", die ab heute 4p pro Pint teuerer geworden sind. Angeblich habe die Brauerei die Preise erhöht, was ich aber nicht so recht glauben kann, denn auch die anderen Biersorten sind verteuert worden. Und diese stammen nicht von der gleichen Brauerei! Brancheninterne Absprache etwa? So etwas habe auch ich das erste Mal erlebt! Der Abschluß des Tages bestand aus dem letzten Besuch beim Chip-Shop, einem letzten Pint im "Belle Vue" und einem abschließenden Schlummertrunk in der hauseigenen Bar zusammen mit Patricia und Brian. Gegen 21 Uhr war Schluß, denn morgen heißt es früh aufstehen, früh frühstücken und möglichst schnell weg, denn um 8 Uhr 45 geht die Fähre in Dover ab...

Donnerstag, 22. März 2001
Heimreisetag! Schade, denn jetzt scheint das Wetter besser zu werden. Der gestrige Tag hatte viel versprochen, mehr, als der Wetterbericht von BBC vorhergesagt hatte... Aber so liegen etwa 900 Kilometer vor uns mit einer zusätzlichen Fährüberfahrt über den Kanal und wir hoffen, daß der Kanal nicht zu rau ist. Gestern wäre mit Sicherheit einiges los gewesen, denn der Kanal zeigte sich von seiner übelsten Seite. Doch zuvor gibt es in aller Frühe (es ist gerade einmal 7 Uhr) das abgespeckte Frühstück. Statt einem "english breakfast" gibt es nur Toast, Butter, Marmelade und Tee. Und für mich eine Schlüssel Cornflakes. Danach ist Abfahrt... Die Verabschiedung war kurz aber herzlich... Es geht also wieder Richtung Heimat. Abfahrt in Margate war gegen 7 Uhr 15. Bis Sandwich ging es ganz gut, dann aber schon der erste Stau. Fast bis Dover. Um 8 Uhr 20 erreichten wir Dover und sofort zum Check-In gefahren. Kurz darauf begann das Verladen. Wir hatten heute die Ehre mit der Superseacat (Hoverspeeds größten Katamarans) fahren zu dürfen. Pünktlich um 8 Uhr 45 (entgegen dem Fahrplan aus dem Internet; dort wäre es 9 Uhr gewesen) legte die Fähre ab. Und pünktlich um 9 Uhr 30 GMT oder 10 Uhr 30 MEZ erreichten wir Calais. Aber dann! Wir brauchten noch über eine Stunde (ja richtig!), bis wir von Bord durften. Zuerst war die Fähre in Gegenrichtung noch nicht abgelegt (es gibt NUR EINE Anlegestelle), die ebenfalls Verspätung hatte, dann dauerte unser Anlegen fast eine halbe Ewigkeit und schließlich ließ man uns, trotz offener Tore, noch fast 30 Minuten unter Deck schmoren. Warum? Das weiß keiner. Papa, der sich das ganze angesehen hatte, sagte, die stehen einfach nur da herum und tun eigentlich überhaupt nichts. Einen Grund dafür sah auch er nicht. Es war weit nach 11 Uhr 30 als wir wieder französischen Boden betraten. Die weitere Heimfahrt durch Frankreich und Belgien nach Deutschland verlief ohne nennenswerte Probleme. Keinen Ärger an den Grenzen bezüglich Kontrollen wegen der Maul- und Klauenseuche. Lediglich beim Verlassen von England und Eintreten in Frankreich mußten wir mit dem Auto durch ein Desinfektionsbad. Ob das viel hilft oder nur eine gewisse imaginäre Alibifunktion besitzt? Denn das Desinfektionsbad war nicht viel größer als ein gewöhnlicher Fußabstreifer. Das soll aber deren Problem sein... Die Heimfahrt war durch Frankreich, Belgien und Deutschland bis Frankfurt ohne nennenswerte Zwischenfälle verlaufen. Das Chaos begann erst ab Frankfurt. Erst kilometerlang zähfließender Verkehr und dann 20 Kilometer Stau an einer Baustelle! Als wir nach ewigen Zeiten an diese Baustelle kamen, bestand diese nur aus einem Lkw, der auf dem Seitenstreifen Äste auflud. Scheiß Deutschland, sage ich da nur! Bis nach Hause hatte sich der Stau dann fast nicht mehr aufgelöst, da erstens ein sehr hohes Verkehrsaufkommen herrschte und zweitens sich die Autobahn von drei auf zwei Fahrbahnen verengte. Und natürlich waren wieder mehr Lkws als Pkws unterwegs. Trotz all dieser Hindernisse erreichten wir unser Ziel daheim kurz vor 20 Uhr bei leichtem Nieselregen. Genauso wie wir es vor einer Woche verlassen hatten...

Zusammenfassung
Leider nicht ganz geschafft. Nur elf Urlaube alleine. Das Dutzend ist nicht ganz voll geworden. Macht aber nichts. Denn diese paar Tage Urlaub waren für mich etwas ganz besonderes, da sich meine Eltern doch nach langer Zeit (immerhin knapp sechs Jahre) entschlossen hatten, mit mir nach England zu fahren. Trotz anhaltender Diskussion um BSE (Rindfleisch essen wir alle drei daher schon seit bald zehn Jahren nicht mehr) und der anhaltenden Gefahr durch die Maul- und Klauenseuche, die jedoch für den Menschen nicht gefährlich ist, aber auf der anderen Seite erhebliche Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit bedeutet. Ein weiteres Manko, was mich sehr ärgerte, war das Wetter. Es war sehr kalt mit eisigem Wind aus Osten und sehr regnerisch. Die Temperaturen lagen nur selten über 8°C! Im Normalfalls habe ich persönlich keinerlei Probleme mit solch einem Wetter, aber ich wollte doch meinen Eltern England in einem positiven Licht präsentieren und nicht so. Zu diesem Thema habe ich ein schönes Beispiel parat: Im letzten Jahr verweilte ich zur gleichen Zeit in Pembury nahe Royal Tunbridge Wells. Während dieser Zeit hatte ich Sonne, blauen Himmel und Temperaturen zwischen 15°C und 20°C. In diesem Jahr hatten wir Schneefall (und das nicht zu knapp), eisigen Wind und Temperaturen gerade einmal bei 5°C. Welch ein Unterschied. Was ich beabsichtigt hatte zu sehen oder zu besuchen gemäß der ersten Planung ist erfüllt; die Anzahl der erhofften Bilder nicht. Einerseits wegen des schlechten Wetters und andererseits der Örtlichkeiten wegen (siehe Sandwich). Trotz alledem war es für mich ein schöner und erlebnisreicher Urlaub. Einen großen Anteil dazu trug die fabelhafte Unterkunft bei. Ich glaube, ich muß mich per e-Mail bei Patricia und Brian noch einmal bedanken. Ich kann nur hoffen, daß es meinen Eltern ebenso gut gefallen hat wie mir. Trotz des Wetters, trotz der Seuche in England, trotz dem dennoch für sie einfachen Verhältnissen in der Unterkunft...
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